Ein Nachruf auf Josias Florian Gasser

Ein Nachruf auf Josias Florian Gasser

Von Köbi Gantenbein

Ein Nachruf auf Josias Florian Gasser und eine Aussicht auf ein Buch, das Jos’ Ideen versammelt und weiterspinnt.

Am 9. Oktober vor einem Jahr ist Josias F. Gasser überraschend gestorben. Von einem Tag auf den andern, hinausgeworfen aus einem Leben voller Ideen und Traumtänzereien, Unternehmungen und Geschäfte, Erfolge und Misserfolge. Und vor allem – ein Leben voller Zuversichten und Zukunftsbilder für eine bessere Welt – hörte abrupt auf. Jos war für ein besseres Leben unermüdlich und hartnäckig unterwegs als Unternehmer in der Bauwirtschaft, als Bauherr von Pionierhäusern, als grün gesinnter Politiker, als Anreger, als Netze Knüpfer, als Mäzen und als Ermöglicher.

Wir erinnern uns an seinem Todestag, am 9. Oktober, mit einem Auszug aus den Worten, die Köbi Gantenbein am 31. Oktober 2025 an der Abschiedsfeier in der Martinskirche in Chur zur grossen Trauergemeinde sprach:

«Carmen Gasser Derungs und ich stehen vor Jos Haus in den Haldensteiner Hanfländern. Wir warten. Jos hatte ein paar Tage vorher aus dem Telefon gerufen: «Im Stammhaus der Firma werden Agnese und ich wohnen. Ich brauche Euch. Denn ich baue dort auch ein Museum.»

Ein Museum? Ach, das habe ich Jos doch ausgeredet. Wenn ich aber etwas von ihm gelernt habe, dann dies: Begeisterung, voll Karacho und wenn alle sagen geht nicht, so geht es erst recht. Seit Jahren fabriziert der Wind in Oldis mit dem eleganten Windrad von Jos und seinem Kameraden Jürg Michel Strom. Agnese und Jürg arbeiten zurzeit daran, dass bald ein zweites daneben seine Flügel drehen wird – von dem auch alle wussten: darf nicht, geht nicht, kann nicht. Und es geht dennoch.

Das alte Bauerhaus in den Hanfländern hat eine Schaufassade zur Strasse. Viel originale Substanz, ein Hauch Jugendstil auf bäurisch, wohl proportionierte Grundrisse um ein Treppenhaus gewunden – eine schöne Wohnung wäre das geworden für Jos und Agnese. Angefügt der Stall mit überhohem Tenn und wenigen Stützen. Vor und neben dem Haus ein Garten und hinten dran ein Bungert. Alles etwas verwildert, wenig durch Pflege zerstört. Beinahe hätte einst der Furor von Jos diese Perle hinweggefegt und sie zusammen mit Nachbarschaften in eine Supervorzeigesiedlung für Plusenergie verwandelt. Der Plan versackte. Mein Gottseidank quittierte Jos einst mit einem Murrknurr, denn wir müssen vorwärts, aufwärts, bewegen, Zukunft bauen. Einen Ruck geben. Ach herrje.

1952 kommt Jos in Zürich zur Welt. Hier in den Hanfländern ist er gerne bei seiner Tante Hedy und seinem Onkel Josias zu Gast. Von ihnen lernt er, wie Geschäfte machen in der Bauwelt geht. Seine Ausbildungszeit führt über sieben Bögen zum diplomierten Ökonomen der Universität Zürich. Begriffe wie «Gemeinwohl», «Vergemeinschaftung von Eigentum» und «Solidarität» gefallen dem jungen Mann. Das wirkt sein Leben lang.

Die Schule bei Onkel und Tante und das andauernde Lesen stecken den politischen, persönlichen und geschäftlichen Horizont von Jos ab. Bald steht er am Dirigentenpult in Haldenstein in der Firma. Mit Können, Gspüri und einer guten Truppe Leute zwirnt Jos seit 1983 seinen Lebensfaden als Händler mit Baumaterial im schnell wachsenden Bündner Baugewerbe. Als Ehrgeiziger will er seinen und der Seinen Platz in Graubündens Bauwelt und Wirtschaft dehnen und strecken. Als sein Onkel und seine Tante im Stall begonnen haben, hatte der Katalog 56 Artikel, 75 Jahre später sind in ihm 112 500 Positionen aufgeführt.

Jos murrt, wenn ich ihn frage, wie viele seiner Geschäfte er weshalb versiebt habe. Lieber ruft er: «Es geht vorwärts. Den Umsatz mit herkömmlichen Baumaterialien vervielfachen, Pellets verteilen, Geräte für die Haustechnik bauen, Energie sparen, Fassaden erfinden, Windenergie aufrichten, Steine schneiden, Logistik raffinieren, alles in den Computer versorgen.» Überall jeden Tag ein Ruck.

Jos ist ein Zauberkünstler der Propaganda für seine wirtschaftlichen, ideologischen und politischen Unternehmungen – und für sich selber. Er ist ein Prediger – und er zeigt, wie um- und nachweltverträgliches Wirtschaften und Bauen geht, als das noch nicht viele buchstabieren können. Das Wachstum der Firma braucht Platz – in Haldenstein und in Punt Muragl baut er Leuchttürme des energiebewussten Bauens. Die Seinen und er werden dafür europaweit geehrt. Strahlend mit verknitterter Krawatte hält der ehemalige Hockey-Spieler die Trophäen in die Kameras.

Im Garten in den Haldensteiner Hanfländern steht ein alter Birnbaum, würdig, majestätisch, schön. Jos sagt: «Der wird gefällt. Ich will hier etwas Zeitgemässes, etwas Neues pflanzen». Ich widerspreche: «Jos, diesen Baum darfst Du nicht fällen, Du musst ihn pflegen, damit er noch lange leben kann. Er gehört zur Geschichte des Dorfes, der Firma, zu Deiner. Er ist schön. Er ist ein Paradies für Vögel, Insekten und Mostbirnen.» Jos ist irritiert, aber sofort neugierig auf den Widerspruch: Dann überlege ich das halt noch einmal. Aber den Holderbaum fällen wir, da kommt ein Kaki hin oder ein Kiwi.

Schon früh schreibt Jos in seinen Lebenslauf, dass Regierungsrat von Graubünden sein Beruf werden solle. Er nimmt mehrere Anläufe. Mit respektablen Resultaten. Neben der Hoffnung, so endlich den Ruck durch Graubünden zu schicken, gehört dieser Wunsch auch zu seiner Eitelkeit: Ich kann es, ich will es, ich zeige es – mir und allen. Er geniesst das Rampenlicht und liebt das Mikrophon. Kommt er in Fahrt, so kann er sich flott selbst ins Wort fallen.

Er weiss trotz aller Ichstärke – allein bin ich nichts. In der Firma nicht, in der Politik nicht. Er wird Mitgründer der Bündner und der Churer Grünliberalen Partei, Churer Gemeinderat, zweimal Grossrat. Eingebettet in eine Listenverbindung mit der SP und den Grünen gelingt ihm der grosse Coup. Dank seiner Passion, seines heiteren Wahlkampfes kreuz und quer durch den Kanton, dank des Engagements von Jürg Kappeler und des kleinen Grüpplis der Grünliberalen macht er ein flottes Resultat und wird 2011 für vier Jahre Bündner Nationalrat.

Als Politiker profitiert Jos von seinem Ansehen als erfolgreicher Unternehmer und als einer der handfest zeigt, wie Weltverbesserung geht. Sein Feuer, sein Fleiss und sein Sendungswillen machen Eindruck. Und fast alle von links bis rechts haben diesen geselligen, zerstreuten Professor ins Herz geschlossen. Und sind ab und zu froh, wenn er zu einem Ende findet in seinen weit verzweigten Reden.

Jos ist auch ein Zweifler. Er begreift nur mühselig, dass der Politikbetrieb anders geht als eine von ihm regierte Firma. Mehrheiten beschaffen, ruhig sein, der Parteiraison loyal gehorchen. Er leidet an seiner Ungeduld, sein ständiges Anrennen gegen den Unsinn setzt ihm zu.

Als Vorspurer und Ideologe hat Jos Fortschrittsgraubünden in Energiepolitik und Klimavernunft das Terrain geebnet. Seine Vorstellung einer besseren Welt findet bis weit in die bürgerliche Behaglichkeit Freunde und Unterstützerinnen. Ich foppe ihn, dass sie alle ihn verstossen werden, wenn er ihnen nicht nur die Einfamilienhäuser isoliere, sondern ihnen auch das Auto, den Speck und die Ferien in der Karibik schlecht rede.

Was bleibt? Es bleibt die Erinnerung an einen herzensguten, anregenden, geselligen, furiosen, sperrigen, fantasievollen, grosszügigen, geschäftlich und unternehmerisch erfolgreichen Mann, der seine Lastwagenfahrer, Buchhalterinnen, Projektleiterinnen, Gabelstapelfahrer, Einkäuferinnen, Verkäufer und Geschäftsführer gerne hatte.

Es bleibt die Erinnerung an einen Mitträger, Vorstürmer und Wegbereiter von Fortschrittsgraubünden – klimavernünftig, sozial aufgeschlossen und weltoffen. Bürgerlich grundiert, aber nie vernagelt.

Es bleibt die Erinnerung an das breite Lachen eines Freundes, der traurig, erschöpft und ratlos sein konnte.

Und es bleibt die Erinnerung an einen Ideensprudler, Anreisser und Vorturner. Jos’ politische, intellektuelle und visionäre Hinterlassenschaft wird im Buch «Tänze mit Wind und Sonne» in einem Jahr vorgestellt werden. Agnese Bronzini, seine Gefährtin, stiftet Jos’ Mitstreiter, Kritikerinnen, Freunde an, die Essenz dieses Lebens zu sammeln, zu sichten und zu berichten.

Das Buch wird keine Biografie. Das Buch nimmt es zum Anlass, um den Stand und vor allem die Zukunft von Energie- und Klimapolitik, Architektur, Landschaft, Natur und Gesellschaft zu skizzieren. Autorinnen und Autoren sind Zoe Stadler, Ludmila Seifert, Dominik Siegrist, Ruedi Winkler, Agnese Bronzini, Köbi Gantenbein und der Fotograf Ralph Feiner.

Köbi Gantenbein, 9. Oktober 2026

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