Migros vor Totalumbau, anders als ihr Gründer es wollte
Die Migros steht vor einem Totalumbau, der sich gegen den ausdrücklichen Willen ihres Gründers richtet, so die aktuellen Migros-News. Dieser hatte die Migros bewußt föderal wie die Schweiz mit ihren Kantonen strukturiert. Die Migros steht vor einer schwierigen Abstimmung. Das Alkohol- und Tabakverbot des Gründers umgeht sie bereits mit Avec, dem Kauf von Denner und vielen anderen Trickli, aber die Abstimmung der Genossenschafter, der Migros-Eigentümer, das Alkoholverbot auch in den Hauptgeschäften der Migros zu kippen wurde bei der durchgeführten Abstimmung nicht erreicht.
Gottlieb Duttweiler wählte die Rechtsform der Genossenschaft, um die Rechtsform der Aktiengesellschaft abzulösen und die Migros vollständig in die Hände der Bevölkerung zu übergeben. Im Jahr 1941 wandelte er das Unternehmen um und verschenkte es an seine Kunden.
Die Organisation in zehn regionalen Genossenschaften hatte drei wesentliche Hauptgründe:
1. Finanzielle und rechtliche Unabhängigkeit (Föderalismus)
Duttweiler wollte verhindern, daß die Migros zu einem riesigen, schwerfälligen und zentral gesteuerten Machtblock wird. Die regionalen Genossenschaften wurden als rechtlich und finanziell selbstständige Einheiten gegründet. Sollte eine Region in wirtschaftliche Schieflage geraten oder politische Fehler machen, war dadurch nie das gesamte Unternehmen in seiner Existenz bedroht.
2. Regionale Verankerung und Bürgernähe
Der Grundgedanke der Genossenschaft ist die demokratische Mitbestimmung. Durch die Dezentralisierung in Regionen (wie Genf, Tessin, Luzern oder Zürich) sollten die Genossenschafter eine direkte Bindung zu „ihrer“ Migros vor Ort haben. Die Genossenschaften sollten nahe an den Bauern, regionalen Produzenten und den lokalen Bedürfnissen der Kundschaft operieren – ein Prinzip, das sich bis heute im Label „Aus der Region. Für die Region.“ widerspiegelt.
3. Schutz vor feindlichen Übernahmen
Eine Aktiengesellschaft kann durch den Aufkauf von Aktienmehrheiten relativ leicht übernommen oder zerschlagen werden. Bei einer Genossenschaft gilt das demokratische Prinzip: „Ein Kopf, eine Stimme“ – unabhängig davon, wie viel Geld jemand besitzt. Die Aufteilung auf zehn eigenständige Regionalgenossenschaften bildete eine zusätzliche, unüberwindbare Hürde gegen Versuche von Großkapitalisten oder der Konkurrenz, die Migros aufzukaufen und Duttweilers Lebenswerk zu zerstören.
Duttweilers Ziel war ein „soziales Kapitalismus-Modell“, bei dem der Profit nicht an Aktionäre fließt, sondern in Form von günstigen Preisen und dem Migros-Kulturprozent an die Gesellschaft zurückgegeben wird. Die föderalistische Struktur war sein Werkzeug, um diese Vision langfristig abzusichern.
Migros-Genossenschaften sollen zerschlagen werden und zentralisiert zusammengeführt werden
Nun soll alles anders werden als der Migros-Gründer es wollte. Der Migros-Genossenschaftsbund teilt aktuell folgendes mit (kursiv):
Die Migros will ihre Strukturen verschlanken, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Deshalb haben die Verwaltungen der zehn regionalen Genossenschaften und des Migros-Genossenschafts-Bundes einstimmig entschieden, eine Gruppengenossenschaft zu gründen. Sie bringt beträchtliche Vorteile für die Kundschaft, die Genossenschafter und die Mitarbeitenden, weil Arbeitsplätze langfristig gesichert werden. Mit dem Start der Gruppengenossenschaft kommt es zu personellen Wechseln an der Spitze.
Die Migros steht vor einem historischen Schritt: Die Verwaltungen der zehn regionalen Migros-Genossenschaften und des Migros-Genossenschafts-Bundes haben einstimmig beschlossen, daß die Migros in eine Gruppengenossenschaft überführt werden soll. Ziel ist eine Migros, die schneller entscheiden, gezielter investieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern kann. In den kommenden Monaten werden die Details dazu ausgearbeitet und alle Gremien gemäß Statuten einbezogen. Die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter werden Mitte 2027 in einer Urabstimmung endgültig entscheiden können.
Die Gruppengenossenschaft bildet künftig das Dach über die gesamte Migros-Gruppe mit ihren sieben Geschäftseinheiten: Migros-Supermarkt, Migros-Industrie, Denner, Migrol/Migrolino, Digitec-Galaxus, Migros-Bank und Medbase. Diese operieren eigenständig. Das schweizweite Supermarktgeschäft wird künftig aus einer Hand geführt, mit weiterhin starker Präsenz in allen Regionen der Schweiz.
Gruppengenossenschaft schafft Vorteile für alle
Zuallererst bringt eine Gruppengenossenschaft Vorteile für die Kundschaft: Eine Migros ohne Parallelstrukturen kann bessere und günstigere Angebote machen und die Eröffnung neuer Filialen schneller vorantreiben. Eine einheitlich organisierte Migros schafft auch Vorteile für die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter: Sie können künftig einheitlich und stärker am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden. Eine erfolgreiche Migros sichert schließlich die Arbeitsplätze der rund 80’000 Mitarbeitenden in der Schweiz und schafft neue.
Mit der Gruppengenossenschaft besinnt sich die Migros zurück auf ein wichtiges Anliegen ihres Gründers Gottlieb Duttweiler und seiner Frau Adele: Die Migros muß einen organisatorischen Leistungsvorsprung haben, also besser und günstiger sein als die Konkurrenz.
Ursula Nold, Präsidentin des Migros-Genossenschafts-Bundes, sagt: „Gemeinsam mit den Regionalgenossenschaften haben wir die Weichen für die Zukunft der Migros neu gestellt. Der einstimmige Entscheid beweist, dass wir als Gemeinschaft handlungsfähig sind und Herausforderungen geschlossen anpacken. Unser Ziel ist klar: Wir wollen die Migros wieder agiler, attraktiver und leistungsfähiger machen – zum Nutzen aller und im festen Fundament unserer genossenschaftlichen Werte.“
Regionalität bleibt erhalten
Die Migros profitiert heute dank ihrer regionalen Verankerung von einer einmaligen Nähe zu Kundinnen, Mitarbeitenden, Lieferanten, Produzenten, Behörden und weiteren Partnern. Dies wird auch in Zukunft so bleiben, alle laufenden Projekte werden wie geplant weitergeführt.
Die regionale und genossenschaftliche Mitsprache bleibt ein zentraler Pfeiler der Migros. Dafür werden künftig sechs Regionalräte geschaffen, wobei je ein Regionalrat die französischsprachige und die italienischsprachige Schweiz vertritt. Die Regionalräte bringen die Anliegen ihrer Regionen ein und wählen die Delegierten. Die Delegiertenversammlung auf nationaler Ebene sorgt weiterhin für die demokratische Mitbestimmung.
Die Kundschaft wird in der Gruppengenossenschaft ihre gewohnten Filialen mit ihrem Personal und ihren Produkten unverändert wiederfinden. Das erfolgreiche Schild „Aus der Region. Für die Region.“ bleibt ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Migros. Alle regionalen Produkte bleiben für die Kundschaft erhältlich.
Guido Rast, Geschäftsleiter der Migros-Luzern und Präsident der Migros-Supermarkt-AG, sagt: „Mit der 2024 gegründeten Migros Supermarkt AG legten wir den Grundstein für eine engere Zusammenarbeit über die Grenzen der Genossenschaft hinweg, ohne bei der Regionalität Abstriche zu machen. Die Gruppengenossenschaft ist der nächste logische Schritt, um diese erfolgreiche Arbeit weiterzuführen. So sorgen wir dafür, dass die Migros auch morgen die Erwartungen ihrer Kundschaft erfüllt: starke Angebote, hohe Qualität und verlässliche Leistungen.“
Urabstimmung findet Mitte 2027 statt
Die Präsidentinnen und Präsidenten sowie die Geschäftsleitenden der Migros-Genossenschaften werden in den kommenden Monaten ihren 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern aufzeigen, warum sie überzeugt sind, dass die Migros-Gruppengenossenschaft der zukunftsfähige Weg ist. In der Urabstimmung Mitte 2027 fällt dann der endgültige Entscheid. Breit aufgestellte Arbeitsgruppen werden den Umgestaltungsprozeß gestalten und die Mitarbeitenden sowie die Öffentlichkeit laufend über die nächsten Schritte unterrichten.
Veränderungen betreffen vor allem das Management
Die Überführung in eine Gruppengenossenschaft ist ein mehrjähriger Prozeß. Die meisten Mitarbeitenden werden von den Veränderungen im Alltag wenig oder nichts spüren. Denn Veränderungen betreffen nicht Mitarbeitende auf den Verkaufsflächen, sondern vornehmlich Strukturen in der Verwaltung und in der Betriebsleitung der regionalen Genossenschaften und im Migros-Genossenschafts-Bund. Diese Veränderungen werden schrittweise erfolgen. Wo es für Mitarbeitende Veränderungen gibt, wird die Migros ihre soziale Verantwortung wahrnehmen. Wenn immer möglich strebt die Migros für die Mitarbeitenden Anschlußlösungen in der Gruppe an. Zudem sichert sie zu, dass es in den regionalen Genossenschaften bis mindestens Mitte 2028 zu keinen organisationsbedingten Entlassungen kommt. Die Tochterunternehmen der Migros-Gruppe sind nicht von Veränderungen betroffen.
Langfristig sollen alle Mitarbeitenden von der Weiterentwicklung profitieren: Eine einfachere und stärker vernetzte Organisation erleichtert die Zusammenarbeit und ermöglicht, Kompetenzen gezielter einzusetzen. Die Migros stärkt damit ihre Fähigkeit, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen, zu fördern und langfristig zu halten.
Aufbruch mit neuen Kräften an der Spitze
Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des MGB, und Peter Diethelm, Vorstandsvorsitzender der Migros-Supermarkt-AG (MSM), haben sich mit voller Überzeugung für die neue Struktur eingesetzt und werden dies auch im Hinblick auf die Urabstimmung tun. Gleichzeitig haben sie entschieden, ihre Funktionen auf diesen Zeitpunkt hin abzugeben. Sie werden dannzumal beide 62 Jahre alt sein und stellen so sicher, dass ihre Nachfolger den Aufbau von Anfang an und über die gesamte, mehrjährige Phase hinweg führen können.
Ursula Nold, Präsidentin der Verwaltung MGB: „Mario Irminger hat mit seiner ziel- und erfolgsorientierten Führung wichtige Weichen für die Zukunft der Migros gestellt. Die gesamte Verwaltung des MGBs dankt ihm bereits heute für seinen grossen Einsatz und freut sich darauf, gemeinsam mit ihm die bevorstehende Urabstimmung als wichtigen Schritt für die Zukunft der Migros vorzubereiten.“
Guido Rast, Verwaltungsratspräsident der Migros-Supermarkt-AG: „Peter Diethelm hat die Migros Supermarkt AG seit ihrer Gründung 2024 erfolgreich geleitet und seine grosse Erfahrung als früherer Geschäftsleiter der Migros Ostschweiz eingebracht. Ich danke ihm im Namen des gesamten Verwaltungsrats für diese Aufbauarbeit, auf die mit der Gruppengenossenschaft nun der nächste Schritt folgt. Es freut mich sehr, dass Peter Diethelm die Transformation bis Ende 2028 in einer unterstützenden Funktion begleiten wird.“
Der Prozeß zur Besetzung der beiden Nachfolgepositionen wurde eingeleitet.
Gesellschaftliches Engagement bleibt ein Schwerpunkt
Das Kulturprozent und weitere gesellschaftliche Engagements bleiben wichtige Werkzeuge zur Stärkung der regionalen Verankerung der Migros. Die Unterstützungsbeiträge werden auch in Zukunft verteilt. Sie fließen weiterhin in die Regionen zurück, in denen sie erwirtschaftet wurden.
Im November 2025 hat die Migros-Gruppe ihre Vision 2035 unter dem Titel «Eine lebenswerte Schweiz für alle» verabschiedet. Sie baut auf drei zentralen Elementen auf: Erstens setzt die Migros Massstäbe bei Leistungen des täglichen Bedarfs und ist im Alltag erste Wahl. Zweitens ist eine starke Migros-Gemeinschaft der Antrieb ihres Erfolgs. Drittens nutzt sie ihren wirtschaftlichen Erfolg zum Wohle der Gesellschaft.
Sophie Dubuis, Präsidentin der Genossenschaft Migros Genf, sagt: «Die Gruppengenossenschaft schafft die Voraussetzungen, um den genossenschaftlichen Auftrag für kommende Generationen erfolgreich weiterzuführen. Eine stärkere Migros kann ihre gesellschaftliche Verantwortung, ihr kulturelles Engagement und ihre Rolle als verläßliche Partnerin für die Bevölkerung langfristig sichern.»
Eine Gruppengenossenschaft vereint, was die Migros stark macht: Top-Leistung, Verantwortung, regionale Verwurzelung und gesellschaftliches Engagement. Sie bildet das Fundament, um die Vision für die Zukunft umzusetzen. Gleichzeitig bewahrt die Migros, was sie seit Generationen prägt: Stabilität, Nähe zu den Menschen und eine starke Verankerung in der Gesellschaft.
(pd, rm)
(Fotos: MGB)





